Der Tod und das Mädchen
(Eduard Claudius)
Das Mädchen:
Vorüber! Ach, vorüber!
Geh wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod:
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund, und komme nicht, zu strafen.
Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!
Mutti und Vati haben ihr Leben lang knochenhart gearbeitet.
Die Kindheit im Krieg verbracht, als Jugendliche aus Trümmern eine neue Heimat aufgebaut und als diese erste Früchte abwarf, haben verknöcherte Alte dem Land gesellschaftlichen Stillstand verordnet.
Man richtet sich ein in einer abgeschotteten, kleinen Welt. Abgeschottet von den Unbilden des geopolitischen Universums und abgeschottet von den zuckersüßen Bananenrepubliken.
Frag einen Affen auf seinem Planeten, was er unter Menschen vermisst hat?
Es sind die selbstverständlichen Alltäglichkeiten, mit denen man in meinem Beruf konfrontiert wird. Gestern, heute, sicher auch morgen.
Als die Bananen ins Land kamen, rückten in ihrem Schatten auch die lichtscheuen Elemente nach. Eine physikalische Binsenweisheit; je größer die Versuchung desto breiter der Schatten desto zahlreicher der Aufmarsch. In der zufriedenen Welt fegte plötzlich der verlockende Westwind, während sich kühle Ostwinde schon am Ural abregneten.
Neue Bedingungen schufen neue Belastungen. Die Eltern fühlten sich überfordert; das Misstrauen blieb, wuchs und gewann die Oberhand. Gegenüber den neuen Göttern, den neuen Lenkern, den neuen Verhältnissen und letztlich auch gegenüber den beiden Töchtern, die sich schneller zurechtfanden und die Eltern mitnehmen wollten. So hatten Haus, Hof und Garten keine Chance, mit hinüberzuwachsen. Der verordnete Stillstand wurde ungewollt übernommen und bis auf notwendige Erhaltungen konservierten sie das 60er-Jahre-Flair.
Erst als die biologische Schulmedizin ihr Recht einforderte, Mutti zog zu ihren Eltern, Vati ist allein zu Haus, erst dann sind sie wieder aktuell, die Ängste um das wenige Hab, das wenige Gut und das Danach. Doch der Wille verblasst. Das Fleisch lässt nicht los, der Geist aber wird schwach. Ein langes Leben droht einem kurzen Hauch zu erliegen.
Und nichts ist geklärt!
Den Töchtern hat er hinterlassen, Haus und Andenken zu bewahren. Doch Töchter sind Töchter und haben ihre Vorstellungen. Die Ältere stellt eigene Ansprüche zurück, hilft hier, tut da. Umsonst. Die Jüngere erliegt den süßen Verlockungen der Schattenkrieger.
Es kommt wie es kommen musste.
Unter Brüdern wär das nicht passiert.
©casus. 2014
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